11. Guten Appetit

 

Der Kellner verkauft es uns als "Gute Wahl", dass wir uns für das einzige Menü auf der Karte "entschieden" haben. Denn Synthetik ist Trend, während Thermo-Kost ohnehin nur große Fußabdrücke hinterlassen würde.

 

Nachdem ihn "Vorfälle" aus anderen Küchen zur Vorsicht mahnen, bereitet der Koch dick verpackt im Schutzanzug, und auch dann nur mit den Fingerspitzen, die Bestellung zu. Die hochgiftigen, ätzenden und krebsauslösenden Rezepturbestandteile lässt er aus "Sicherheitsgründen" lieber gleich von Küchenhilfen aus Drittweltländern vorbereiten.

 

Der Kellner serviert mit unschuldigem Blick.

 

Dem Vater schlägt das Flimmern gehörig auf den Magen während sich die Mutter von ausdampfenden Füllgasen wie benebelt fühlt. Der Hund schwankt, vom vielen Elektrosmog bestrahlt, zwischen selbstverschlingender Hyperaktivität und tragisch-depressiver Lethargie. Den Kindern geht es auch nicht besser. Sie vertragen den viel zu hohen Blauanteil überhaupt nicht. Auf die Oma wirkt die dürftige Lichtkost mangels natürlicher Farben unappetitlich und der Opa klagt über die teure Rechnung, mit Blick auf die fragwürdige Ökobilanz.

 

Zu guter Letzt weis der Spüler nun nicht wohin mit den gefährlichen Resten.

 

Doch der Buchhalter beharrt trotz alledem noch immer stoisch auf der für ihn gleichsam universalgültigen Aussagefähigkeit seiner Lieblingskennzahl und hält vor dem Unternehmer Lobreden über den niedrigeren Verbrauch von Betriebsstrom bei Synthetik-Kost.

 

Mit zufriedenem Blick auf die optimierte Gewinnspanne, reibt sich der Unternehmer indes vergnügt die Hände. Dann schlürft er genüsslich seinen Sunshine-Cocktail beim Sonnenbad auf seiner tropischen Privatinsel, unternimmt anschließend noch eine kleine Spritztour in seinem Cabrio, bevor es zum entspannten Segeltörn aufs glitzernd orange-blaue Meer, hinaus in den Sonnenuntergang geht.

 

 

Hier gelangen Sie zu:

12. Appell

INHALTSVERZEICHNIS